Startups mit 2 Produkten – Sinnvoll, oder nicht?

Unsere Erfahrung mit 2 Produkten in einem Startup

von Michael in August

Bestimmt haben Sie schon von der Daumenregel eines durchschnittlichen Venture Capital Unternehmens gehört, wonach von 10 finanzierten Startups 3 bis 4 komplett untergehen, 3 bis 4 gerade so den Break-Even schaffen und nur 1 bis 2 Investments signifikanten ROI für den Investor erzielen. Das ist natürlich nur zutreffend für Unternehmen, die es zur VC-Finanzierung schaffen. Das generelle Bild ist weit dramatischer und deutliche mehr als 90% aller Gründungen scheitern. Startups sind bekannter Weise ein Synonym für risikoreiche Ideen, welche bei Erfolg jedoch eine Menge Kapital für alle Beteiligten einbringen. Eric Ries war einer der Ersten, die mit der „Lean-Startup“ Methode empfohlen haben, in schmalen Strukturen schnellstmöglich mittels viel Feedback des Marktes zum Produkt-Markt-Fit zu kommen – dem Ziel jedes Frühphasen-Unternehmens. Statistisch gesehen haben Startups mit 2 Gründern deutlich mehr Chancen als Startups mit nur einem Gründer. Aber was, wenn ein Startup 2 Produkte am Start hat? Wie wirkt sich dies auf die Chancen aus?


2 Produkte verzerren die Vision

Viele erfolgreiche Gründer betonen die Wichtigkeit, sich gerade am Anfang zu fokussieren. Das Unternehmen ist neu und außenstehende Personen sollten schnell verstehen, was das junge Team eigentlich macht. Wofür also der Unternehmensname steht. Diese Frage zu beantworten und klarzustellen, wer der eigentliche Zielkunde ist, ist schon für ein Produkt schwer genug. 2 Produkte können daher sowohl intern als auch extern zu Unklarheiten führen. Im Team kann es dazu führen, dass sich einige Teammitglieder stärker auf eines der Produkte fokussieren und schon früh unternehmenspolitische Entscheidungen getroffen werden, welches Produkt mit den knappen Ressourcen fokussiert werden sollte. Um Konflikte zu vermeiden, ist daher eine 1-Produkt-Strategie sinnvoll. Aus Kundeperspektive ist dies zunächst ähnlich. Wenn man mit 2 Produkten, die sich auch noch ähnlich sind, konfrontiert ist, und jedes Vor- und Nachteile hat, kann man sich im Endeffekt vielleicht nicht entscheiden und wartet lieber ab. Für potentielle Kunden ist es einfacher, je einfacher die Unternehmensphilosophie ist. Also, sollten Startups aus diesen Gründen direkt auf 2 Produkte verzichten?


Sind 2 Säulen starker als 1 Standbein?

Jeder kennt diese einfache physikalische Formel: 2 Standbeine können Gegenstände besser tragen als ein einzelner. Trifft dies nicht auch auf Startups zu? Bei unserem Startup Slideflight, gegründet in München Ende 2015, hatten wir ursprünglich mit einem PowerPoint Add-In begonnen, um Präsentationen einfach online auf den Endgeräten der Zuseher zu präsentieren. Nach vielen Feedback aus dem Markt und interessierten Apple-Nutzern, hat sich das Team entschlossen, mit Beamium eine Online-basierte Lösung zu entwickeln, womit Dokumente und Präsentationen effektiver mit potentiellen Kunden geteilt und im Verkaufsgespräch online präsentiert werden können. Während sich Slideflight ausschließlich auf PowerPoint konzentrierte, trat Beamium als plattformübergreifende Lösung auf mit zusätzlichen Features wie Lead-Signups, einer automatischen Lead-Klassifizierung und smarten Analytics um Dokumente zu analysieren.



Für das Team und die knappen Ressourcen eines Startups sind 2 Produkte natürlich katastrophal, wenn man diese nicht optimal aufeinander abstimmt. In unserem Fall hat uns die 2-Produkt-Strategie in den frühen Phasen geholfen, den Markt optimal zu verstehen und viele Fehler gleichzeitig zu machen. Und das ist durchaus im Interesse des Startups, wenn man bereit ist, aus diesen Fehlern zu lernen. Früh hat sich so herausgestellt, dass PowerPoint Add-Ins zwar einige Vorteile haben, doch nie mit dem Feature-Set einer Online-Lösung mithalten können. Gleichzeitig hatten wir für Slideflight ursprünglich eine App entwickelt, was sich als – für unseren Use Case – unvorteilhaft herausgestellt hat. Beamium konnte von diesen und vielen mehr Erfahrungen profitieren und von Anfang an deutlich zielgerichteter gestartet werden.


Charles Darwin sagte einmal, dass es nicht der Stärkste sei, der überlebt, sondern die am besten angepasste Spezies mit dem Willen zur Veränderung. Zwei Produkte gleichzeitig zu starten bringt viele Herausforderungen mit sich. Andererseits führt es aber auch dazu, dass viele Erfahrungen in frühen Phasen gemacht werden können, und sich im Endeffekt die bessere der beiden Ideen – in unserem Fall Beamium – durchsetzen wird. Gerade bei Kundenpräsentationen merkt man schnell, welche Features am meisten gefragt sind und kann mit den Erfahrungen aus beiden Produkten die optimale Lösung erstellen. Daher ist es durchaus möglich, gerade am Anfang mit zwei Flügeln höher zu fliegen als mit einem. Doch irgendwann kommt der Zeitpunkt, wo man seine ganzen Ressourcen auf das erfolgreichere Produkt fokussieren sollte.


Image Source: ©iStockphoto.com/bowie15


Autor: Michael Michael